Rezensionen

Wilfried Schwerin von Krosigk

 

 

2013


„Ruhestörung“ Streifzüge durch die Welten der Collage –  MARTA Herford und Kunstmuseum Ahlen

Sicher fördert der glückliche Zufall den interessanten Fund. So entdeckt der Wanderer seine Schätze am Wegesrand oder am Strand, während der Städter in dem für die Abholung vorbereiteten Sperrgut stöbert, Flohmärkte besucht oder einfach nur über Liegengebliebenes stolpert. Ähnlich agiert der in Berlin lebende Künstler Wilfried Schwerin von Krosigk, der in New York und Berlin Fundstücke einsammelt. Es ist die besondere Magie des Profanen, die ihn provoziert, mit den im Atelier eingelagerten Dingen zu arbeiten, zum Beispiel mit einem 1994 am Berliner Kurfürstendamm im Rinnstein entdeckten gelben Kabelstrang, den er mit einem anderswo aufgegriffenen Klappstuhl und mit Handzeichnungen auf Plexiglas kombinierte, um seinen „Traumfänger“ zu schaffen. Sein Spiel mit dem Fragment entspricht einem poetischen Fabulieren mit abgelegten Dingen, die den Künstler unwiderstehlich zum Dialog auffordern. (Thomas Schriefers: Die Magie des Profanen – Erneuerung und Recycling)

 

2001

Kunstmuseum Ahlen
„ ….demgegenüber isoliert Wilfried Schwerin von Krosigk die Resultate menschlichen Erfindungsreichtums einer sich verselbstständigen Massenproduktion, um sie durch Ergänzungen neu zu bewerten. Über seine Arbeit sagt er selbst, dass er mit seinen Objekten „die Rationalität der Technik in ein Spannungsverhältnis zur Emotion, zur Irrationalität, zur subjektiven Empfindung“ stellt. Wilfried Schwerin von Krosigk interessiert nicht die Vollendung, sondern der skizzenhafte Prozess, „die Entstehung der Gedanken, das Abenteuer, nicht zu wissen, wie die Suche weitergeht, kurz gesagt: Die Neugier“. Dass er dabei eine gewisse ironische Distanz wahrt, zeigt der Umgang des Zeichners mit seinen Funden, die er sammelt: „Spontan und willkürlich treffen die verschiedensten Dinge aufeinander“ – schnell auch deshalb, „ um meine vernünftigen Kontrollinstanzen zu überlisten“: Daraus resultieren Objekte wie der Persönlichkeitstrainer (1992), der Genbeschleuniger (1992) und der Glücksdetektor (1994); mit Plexiglasscheiben verbundene Gegenstände, mit denen Wilfried Schwerin von Krosigk in unbändiger Neugier dem nachspürt, was Wissenschaft bewirkt.“ (Thomas Schriefers: Das Experiment – Collagekunst im 20. Jahrhundert)

 

1990

Deutsches Generalkonsulat New York
Man sieht großformatige Bilder von starker Farbigkeit, Man spürt eine gewisse Lust am Schaffen. Der Künstler scheint mit Freude daran zu gehen, diese Bilder zu malen. Man sieht die Spritzer der Farbe, man sieht die schönen, starken Linien, das Ornamentale, aber man sieht auch Gitter und Raster, Piktogramme, also gliedernde Elemente, die sehr stark in den Bereich des Technischen zu gehen scheinen. Auf den ersten Blick vielleicht könnte man es interpretieren als eine sehr amerikanische Malerei. Der Künstler lebt eben in Köln und Amerika und man kann sicher sein, dass hier Elemente, die in Europa nicht in der Weise denkbar wären, mit zum Tragen kommen.  Auf der einen Seite das stark vom Gestus des Malens bestimmte „actionpainting“, also das Aktive mit Freude am Umgang mit Farbe arbeiten, der Verzicht auf alles Abbildende und auf der anderen Seite dann die Verwendung von Mustern „pattern“, die sich auf einem solchen Bild in Kontrast setzen zu diesen freien Strukturen. Muster, das sind Punkte, sind Raster, sind Gitter, sind Wellenlinien, die zueinander parallel verlaufen, sind aber auch Figuren, Piktogramme, verschiedene Formen von Pattern, die man sonst aus anderen Lebensbereichen kennt. Der Künstler verwendet die Muster, die er umsetzt in seiner individuellen Art der Gestaltung. Es ist nicht das Strenge, mit einem Raster, mit einem Lineal gemachte oder mit einer Schablone hergestellte, sondern es ist ein gezeichnetes, gemaltes, aus der Hand kommendes Muster. Das Muster oder Pattern ist ein Begriff, der viel mit unseren Denkmodellen zu tun hat. Die Verwendung eines Musters führt dazu, dass wir unsere Wirklichkeit ordnen können, dass wir ihr ein System auferlegen können. Dabei fällt immer ein Teil der Vielfalt der Erscheinungen unter den Tisch, weil sie nicht zum Muster passen. Umgekehrt hilft uns aber das Muster, die Dinge in einen bearbeitbaren, einen verträglichen Rahmen zu bringen, der es uns möglich macht, damit zu leben, tatsächlich also nicht von der Vielfalt der Erscheinungen überwältigt zu werden. Das ist es genau, was Krosigk will. Er stellt fest, mit der starken Farbigkeit, mit den vielen Formen, dass wir umgeben sind von verwirrenden Erscheinungen, die wir ohne die Hilfe von Mustern gar nicht bewältigen könnten, zum Beispiel in den Kommunikationsmedien, die  uns täglich bombardieren. Wir können uns gar nicht wehren – Informationen, die wir bekommen, eine Fülle von Reizen durch Geschwindigkeit, durch Lautstärke, die auf uns einprasseln und die uns geradezu hilflos machen könnten, mit ihnen fertig zu werden – hätten wir nicht die Hilfe eines Musters.  Das englische Wort Pattern für Muster hat aber noch eine andere Bedeutung, nämlich in der Verhaltensforschung. Die Erforschung des menschlichen und tierischen Verhaltens verwendet diesen Begriff, um deutlich zu machen, dass es gewisse Muster oder Pattern des Ablaufes gibt, die immer wiederkehren. Dieser Begriff des Musters passt eigentlich noch stärker gedanklich zu dem, was Krosigk macht, denn er beschäftigt sich letzten Endes  immer doch mit Menschlichem und mit Menschen in seinen Bildern. Es tauchen Menschen auf, als Umriss, als Piktogramm, im Titel zum Teil. Es tauchen menschliche Produkte auf, Dinge, die den Menschen hier auf der Erde oder auch im Weltraum interessieren. Schon an den Titeln der Bilder merkt man, wo das so hinläuft, ins Kybernetische, in Fragen der Gravitation, des Universums usw. Und diese Muster, die er verwendet und die er konterkariert mit den freien Formen, mit der Lust am Malen, das bringt er in ein gewisses ausgewogenes Verhältnis. Und das ist dasjenige, was die künstlerische und auch die philosophische Qualität dieser Bilder ausmacht. (Dr. Christian Rathke)